Der 95jährige Alfred Krauthahn erzählt von der Gründung seiner Firma im Jahr 1947 und der Wiederbelebung des Berliner Motorsports nach dem Krieg.

Während des Krieges legte ich in Berlin bei einem Lehrgang die Meisterprüfung für Kraftfahrzeuge ab. Kurz darauf bekam ich die Betriebsleiterposition in einem großen Reparaturwerk für Wehrmachtskraftfahrzeuge in Magdeburg angeboten. Unter meiner Führung arbeiteten zirka 20 deutsche Mechaniker. 40 weitere Mitarbeiter waren so genannte „HiWi’s“.

Diese Männer waren meistens Kriegsgefangene aus Russland oder aus anderen osteuropäischen Ländern. Sie entgingen den schlechten Bedingungen in den Gefangenenlagern dadurch, dass sie sich als „Hilfswillige“ in den deutschen Rüstungsbetrieben einsetzen ließen. Da ich weder rauchte noch Alkohol trank, steckte ich oft meine Rationen diesen Mitarbeitern zu und verschaffte mir durch diese Geste viel Respekt und Anerkennung bei den Zwangsarbeitern.

Als der Krieg im Mai 1945 zu Ende war, richteten die Siegermächte in ganz Deutschland so genannte Entnazifizierungsstellen ein. Die Wehrmachts- und Zivilbevölkerung mussten sich hier einfinden und registrieren lassen. Von den militärischen Kommissionen wurde dann entschieden, ob derjenige in Kriegsgefangenschaft abkommandiert wurde oder ob man ihm in die Freiheit entließ.

Offenbar hatten die Aussagen meiner ehemaligen“ HiWi`s“ über meinen menschlichen Umgang mit ihnen dazu beigetragen, dass ich im Juni 1945 als freier Mann die Entnazifizierungsstelle verlassen durfte.

Einige Zeit später verließ ich die alte Wirkungsstätte an der Elbe. Ich wollte nicht in Magdeburg bleiben, weil dieser Teil Deutschlands jetzt sowjetische Besatzungszone geworden war. Über die Elbe schaffte ich es, per Lastkahn viele Maschinen und Geräte nach Berlin zu bringen.

Da ich vor dem Krieg bei Goliath und Hansa Lloyd als Volontär gearbeitet hatte, besaß ich Kontakte zu den Firmen und durch diese Verbindungen gelang es mir, als einer der ersten einen Händlervertrag für diese Fahrzeuge in Berlin zu erhalten. Auf dem dritten Hinterhof in der Potsdamer Straße in Berlin Schöneberg begann ich in einer völlig demolierten Werkhalle Autos zu reparieren.

Vier Jahre später, 1951, ist die Belegschaft bereits auf 16 Leute angewachsen und man verbringt die Mittagspausen auf den kleinen Betriebshof.

Doch alsbald änderte sich mein Hauptgeschäft. Ich begann Kleintransporter der Marke Goliath aus alten Wehrmachtsbeständen aufzuspüren und die Engländer, die im Bezirk Spandau den britischen Sektor verwalteten, verkauften mir für wenig Geld, viele dieser Wagen. Natürlich hatten die Wagen große Kriegsschäden aber da der TÜV noch unbekannt war, konnte ich mit meinen Mitarbeitern auch mit primitiven Mitteln die Fahrzeuge wieder nutzbar machen. Die Käufer zahlten fast jeden Preis.

Aber nicht nur beim Abtransport der vielen Schuttmengen verrichteten die Dreiräder ihren Dienst, als der Motorsport nach dem Krieg in Berlin wieder auflebte, rasten wir mit den „Dreibeenen“ bei Geländeprüfungen die Havel Berge hoch- und runter und fühlten uns dabei wie unsere Idole Bernd Rosemeyer und Rudolf Caracciola.

Goliath Dreiräder werden zum „Renneinsatz“ vorbereitet

Durch den Motorsport habe ich viele Kunden für meine Firma gewinnen können. Über meine Rennerfolge auf der Berliner Avus und die Siege bei internationalen Rallyes wurde immer in den Berliner Zeitungen berichtet. Auch die Auszeichnung des ADAC „goldenen Sportnadel mit Brillanten“ war eine willkommene Reklame für meinen Betrieb.

Das erste Verkaufsgeschäft in der Potsdamer Straße in Berlin Schöneberg

1953 verkauften wir in der Potsdamer Straße bereits über 1000 fabrikneue Fahrzeuge der Marken Goliath und Hansa Lloyd. Nachdem die Marke Borgward dazu kam, wurde der Betrieb zu klein. Ich kaufte in der Nestorstraße in Berlin Wilmersdorf ein 3500 qm großes Grundstück, erweiterte den Betrieb erheblich und meine Mitarbeiteranzahl stieg von ehemals 10 auf über 100 Personen an.

Die Wagen der Firma Borgward waren Ende der fünfziger Jahre in aller Munde. Sie entwickelten sich zu großen Verkaufsschlagern und die Wettbewerber bei Mercedes Benz und VW fürchteten um ihre Marktanteile.

Als jedoch Borgward für seine kostenintensiven Entwicklungen neues Kapital benötigte, verweigerten die Banken neue Kredite und Borgward musste 1961 Insolvenz anmelden.

Für die deutschen Borgward Händler bedeutete das Ende der Produktion in Bremen, auch ihr persönliches Ende. Auch meine Firma hatte nur eine Möglichkeit zu überleben: Ich brauchte einen neuen Hersteller. Nachdem Volkswagen bei mir vorsprach und mir einen Händlervertrag andiente, sagte ich sofort zu. Leider bemerkte ich nach kurzer Zeit, dass sich mit diesem Hersteller keine langfristige Partnerschaft entwickeln konnte. Bei Borgward kannte ich noch Herrn Borgward persönlich doch jetzt bekam ich erstmalig die Bürokratie eines Großserienherstellers zu spüren. Das war nicht meine Welt. Ich löste den Händlervertrag mit Volkswagen wieder auf.

Als sich der schwedische Hersteller VOLVO bei mir meldete und anfragte ob ich bereit wäre in meinem Betrieb die Wagen aus Göteborg in Berlin zu verkaufen, sagte ich sofort zu und es begann 1964 eine über 50 Jahre währende Erfolgsgeschichte mit VOLVO.

Auch meine motorsportlichen Ambitionen konnte ich mit den Wagen aus Schweden erfolgreich fortsetzen. Auf dem VOLVO P 1800 und der VOLVO Amazone fuhr ich in den 60ziger Jahren viele Siege ein.

Aber wie das so ist im Leben: „Geht’s dem Esel zu gut, begibt er sich aufs Eis“!

Ich wollte noch andere Marken vertreten und übernahm in der Folge die Marken Ferrari, Monteverdi, und Rolls Royce. Als mich 1987 Jaguar fragte, ob ich neben Rolls Royce nicht auch noch Jaguar verkaufen möchte, sagte ich auch dazu – Ja!

Ende der 80ziger Jahre wurden die Geschäfte im Automobilhandel immer schwieriger und die anfallenden Arbeiten für einen fast 70 Jährigen zu viel. Der Familienrat beschloss, die Firma in andere Hände zu geben.

Dann ging alles ganz schnell. Ende 1988 kaufte ein neuer Gesellschafter meinen Betrieb. Mit neuem Elan und jugendlicher Frische begann für die Firma Alfred Krauthahn GmbH eine neue Zeit. Ich konnte als Außenstehender verfolgen, wie sich in den letzten 20 Jahren die Firma immer wieder neu aufstellen und verändern musste. Alte Verbindungen – wie Ferrari, Rolls Royce, Jaguar und Land Rover – gingen verloren, neue wie Aston Martin und Hyundai kamen dazu. Die Anforderungen, welche die Hersteller heute an ihre Vertragshändler stellen sind sehr anspruchsvoll. Ich habe daher aller größten Respekt, dass der Nachfolger meines Betriebs, bereit ist, in dieser exponierten Lage (5 Minuten vom Kurfürstendamm) einen Automobilhandel mit Autowerkstatt für Luxusfahrzeuge zu betreiben.

Alfred Krauthahn